junge Welt 2.Juni 2006
Justiz ermittelt und ermittelt und ...
München: Auch ein Jahr nach Razzia bei jW-Mitarbeiter noch keine Akteneinsicht
Am 2. Juni 2005 war der Journalist Nick Brauns nach Recherchen über ein
Neonazitreffen festgenommen und seine Münchner Wohnung vom Staatsschutz ohne
richterlichen Beschluß durchsucht worden. Dabei wurden PC, Laptop, Mobiltelefon
umfangreiche Notizen und private Unterlagen beschlagnahmt. Ein Jahr danach weiß
immer noch niemand so recht, was Brauns eigentlich vorgeworfen wird. Die
Staatsanwaltschaft verweigert jede Akteneinsicht.
Anlaß der Polizeiaktion war ein Protest vermummter Antifaschisten gegen eine
NPD-Versammlung in der Münchner Gaststätte »Waldfrieden«. Laut Polizei soll
dabei ein Aschenbecher geflogen sein, der jedoch niemanden verletzte.
Staatsschutz und Polizei warfen Brauns, der als Berichterstatter dort war, vor,
Organisator des Protests gewesen zu sein. Laut eigener Pressemitteilung stützt
sich der Staatsschutz dabei auf die Aussage eines bekannten Rechtsextremisten.
Wie Brauns herausfand, wurden seine Computer nach Hinweisen auf linke
Organisationen wie Rote Hilfe und SDAJ durchsucht. Der Verdacht liegt nahe, daß
die Razzia vorrangig der Durchleuchtung der linken Szene in München diente. Die
Rote Hilfe, die junge Welt und zahlreiche politische Gruppierungen und
Einzelpersonen hatten gegen den Angriff auf die Pressefreiheit protestiert.
Solidaritätserklärungen kamen unter anderem aus der Türkei, Rußland und
Brasilien. Auch das ZDF-Magazin Frontal 21 berichtete über den Fall.
Nun scheint die Staatsanwaltschaft den Fall verschleppen zu wollen, bis Gras
über die Sache gewachsen ist, da offensichtlich keine Beweise gegen Nick Brauns
vorliegen. Die Computer wurden zwar im vergangenen Jahr zurückgegeben, die
schriftlichen Unterlagen hingegen bleiben beschlagnahmt. Rechtsanwalt Michael
Sack wurde bis jetzt die Akteneinsicht aufgrund »vorrangiger
Haftsachenbearbeitung und umfangreichen Akteninhalts« verweigert.
Unklar bleibt somit, was Brauns eigentlich vorgeworfen wird. Gegen ihn werde
wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung ermittelt, ist einem Schreiben
der Staatsanwaltschaft vom 23. Mai 2006 zu entnehmen. Bei seiner Festnahme
lautete der Vorwurf auf schweren Haus- und Landfriedensbruch. Später wurde noch
ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf Nötigung eingeleitet, weil
Brauns gegenüber der Wirtin des »Waldfriedens« ankündigt haben soll, in der
jungen Welt über die regelmäßigen Zusammenkünfte von Rechtsextremen in ihrer
Gaststätte zu berichten.
Ermittlungen laufen auch gegen rund ein Dutzend junger Antifaschisten, die nach
dem Vorfall festgenommen worden waren. Eingestellt wurden dagegen die
Ermittlungen gegen Rechtsextremisten, die in Internetforen dazu aufgerufen
hatten, sich zu bewaffnen und Brauns zu verprügeln. Die Beschuldigten hätten
wegen anderer Taten höhere Strafen zu erwarten, neben denen die Strafe für die
angezeigte Tat nicht ins Gewicht falle, so die Begründung der
Staatsanwaltschaft.
Ludwig König
P.S. Am Tag des Erscheinens dieses Artikels bekam Anwalt Sack endlich
Akteneinsicht