Junge Welt 05.06.2004 Wochenendbeilage

 

»Weltrevolution!«  

Vor 85 Jahren wurde Eugen Leviné hingerichtet  

 

Die Isar trug Dutzende Leichen ins Donautal, die Schauhäuser reichten nicht aus, eilig wurden Gräber auf den Friedhöfen ausgeworfen. München feierte den Sieg. Aber wo ist Leviné? Wo ist dieser Ausländer, der Bayern an die Roten auslieferte? Man muß ihn finden und erledigen, wie man in Berlin Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg gefunden und erledigt hat«, beschrieb der sowjetische Schriftsteller Mikhail Slonimski die Stimmung im Münchner Bürgertum nach der Niederschlagung der Räterepublik. Der Philosoph Gustav Landauer und der rote Matrose Rudolf Egelhofer wurden neben Hunderten Arbeitern Opfer der Lynchjustiz. Mit besonderem Eifer suchten Bürgerwehren aber einen »jungen Mann, von jäher und wilder Energie«, der in den Augen des Publizisten Sebastian Haffner »möglicherweise das Zeug zu einem deutschen Lenin oder Trotzki hatte«.


Eugen Leviné war 1883 als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie in Petersburg zur Welt gekommen. Während des Studiums der Nationalökonomie in Heidelberg kam er in Kontakt mit revolutionären russischen Migranten und schloß sich 1903 der Sozialrevolutionären Partei an, die mit Attentaten für den Sturz des Zarismus kämpfte. Als Teilnehmer an der russischen Revolution von 1905 wurde er in den folgenden Jahren verhaftet und schwer mißhandelt. Seine Mutter, mit der er wegen seiner politischen Ideale gebrochen hatte, kaufte ihn für eine hohe Kaution frei. Zurück in Deutschland trat er 1909 der SPD bei und arbeitete im Mannheimer Karl-Marx-Klub linksradikaler Sozialdemokraten mit. Im Weltkrieg gehörte Leviné, der mittlerweile die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten hatte, zu den Mitbegründern der Spartakusgruppe. Nach dem Sieg der russischen Oktoberevolution arbeitete Leviné für die Nachrichtenagentur ROSTA in der sowjetischen Botschaft. Als Agitator des Spartakusbundes im Ruhrgebiet übertrugen ihm die Essener Arbeiter als einzigem führenden Spartakisten ein Mandat für den Reichsrätekongreß.


Mitte März 1919 schickte die KPD-Zentrale Leviné nach München, um die aktionistische aber unerfahrene KPD-Ortsgruppe anzuleiten und das dortige Parteiorgan Münchner Rote Fahne zu redigieren. Unter seinem Vorsitz lehnten die Kommunisten die Ausrufung der am grünen Tisch durch Sozialdemokraten und Anarchisten beschlossenen »Scheinräterepublik« ab und begannen mit dem Aufbau von Betriebsräten als Basis einer wirklichen Rätemacht. Seit der russischen Erfahrung war der Rätegedanke zentral in Levinés Denken. »Ich hätte niemals an einer Revolution teilgenommen, welche von den Führern geschoben worden wäre.« Nach der Ausrufung der kommunistischen Räterepublik übernahm Leviné am 15. April den Vorsitz des Vollzugsausschusses.


Als Jude, Russe und Kommunist zog er sich den besonderen Haß des Bürgertums und von Teilen der Linken zu. Nachdem die Mehrheit im Aktionsausschuß am 27. April die Bildung einer »bodenständigen Regierung« aus »echten Bayern« beschloß, trat Leviné zurück. »Ein hagerer Mann, aus dessen eingefallenem Gesicht die gebogene fleischige Nase groß hervorspringt«, beschrieb ihn der Dichter und ehemalige USPD-Aktivist Ernst Toller noch 1933 mit antisemitischem Unterton.


Knapp zwei Wochen nach dem Ende der Räterepublik wurde Leviné am 13. Mai von einem Spitzel gegen ein Kopfgeld von 10 000 Mark an die Polizei verraten. Bei dem anschließenden Hochverratsprozeß ging es nicht um Recht, sondern nur noch um Macht. Das Gericht in der Münchner Au glich einem Heerlager. Auch die Erschießung von Geiseln aus der völkischen Thulegesellschaft warf ihm das Gericht vor. Obwohl Leviné an der Geiselerschießung nicht beteiligt war, verurteilte er diese nicht. »Vielleicht hätte er sein Leben retten können. Das wäre dann aber nicht mehr das Leben eines revolutionären Führers gewesen und hätte seiner Sache nicht mehr gedient. Es gibt kein Schachern, wenn es um menschliche Integrität geht. Ein kompromißlerischer, kriecherischer Leviné hätte in einem langen Leben nicht mehr das erreicht, was er in seinen letzten Tagen erreicht hat. Aus dem einfachen Grund, weil er dann moralisch tot gewesen wäre«, beschrieb seine Frau Rosa Meyer-Leviné seine Motive.


»Wir Kommunisten sind alle Tote auf Urlaub, dessen bin ich mir bewußt. Ich weiß nicht, ob Sie mir meinen Urlaubsschein noch verlängern werden, oder ob ich einrücken muß zu Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg«, erklärte Eugen Leviné in seiner Verteidigungsrede. »Ich habe mich nur dagegen gewehrt, daß meine politische Agitation, der Name der Räterepublik, mit der ich mich verknüpft fühle, daß der gute Name der Münchner Arbeiter beschmutzt wird. Diese und ich mit ihnen zusammen, wir haben alle versucht, nach bestem Wissen und Gewissen unsere Pflicht zu tun gegen die Internationale, die kommunistische Weltrevolution.« Mit dem Ruf »Es lebe die Weltrevolution!« starb der zum Tode Verurteilte am 5. Juni 1919 unter den Kugeln eines Exekutionskommandos im Gefängnis Stadelheim. In vielen Städten Deutschlands traten Arbeiter gegen den Justizmord in einen eintägigen Generalstreik.

 

Nick Brauns